Ausgangslage

Konventionelle 3D-Druckverfahren wie Fused Filament Fabrication (FFF), auch bekannt als Fused Deposition Modeling (FDM), bauen ein Bauteil in planaren, horizontalen Schichten auf. Aus dieser 2,5D-Schichtlogik ergeben sich zwei bekannte Einschränkungen. Steile Überhänge lassen sich nur mit zusätzlichen Stützstrukturen fertigen, und die Haftung zwischen den Schichten bleibt in Aufbaurichtung (z) die mechanische Schwachstelle des Bauteils.

Die robotergestützte additive Fertigung (R-AM) setzt an diesem Punkt an. Ein Extruder wird als Endeffektor auf einen Industrieroboter oder Cobot montiert. Für die Orientierung des Druckkopfs genügen prozessseitig fünf Freiheitsgrade. Die sechste und siebte Achse bringen Redundanz, die sich für Kollisionsvermeidung und günstigere Roboterposen nutzen lässt. So werden nicht-planare und mehrachsige Bahnen möglich, die den Bedarf an Stützstrukturen senken, die Schichten an der Lastrichtung ausrichten und größere sowie geometrisch komplexere Bauteile erlauben. Der nutzbare Bauraum bleibt dabei durch die Reichweite des Roboters begrenzt. Bei Bedarf lässt er sich über eine zusätzliche Linearachse erweitern.

Vergleich der Prozessketten

Was zeigt das Diagramm?

Den Datenfluss von CAD bis Fertigung, einmal für den konventionellen Prozess und einmal für die non-planare bzw. multiachsiale Fertigung.

Was macht R-AM anders?

Non-planare Pfade brauchen teilweise zusätzliche Hilfsflächen beim Slicing, eine Simulationsschleife zur Kollisions- und Erreichbarkeitsprüfung sowie einen Postprozessor, der den Code in ein roboterlesbares Format überträgt.

Warum ist das notwendig?

Ohne diese zusätzlichen Schritte lässt sich eine non-planare, mehrachsige Bahn nicht zuverlässig und kollisionsfrei erzeugen.

Prozesskettenvergleich

Kompetenzen

Prozessentwicklung

  • Druckstrategien für neue Materialien und Geometrien entwickeln
  • Druckparameter bestimmen (Temperatur, Geschwindigkeit, Schichthöhe, Materialfluss)
  • Neue Materialien in einen stabilen Druckprozess überführen

Prozessführung

  • Roboterbewegung und Extrusion synchron steuern
  • Materialfluss an Ecken und Richtungswechseln anpassen
  • Werkzeugorientierung, kontinuierliche Führung entlang der Bahn

Prozessqualifizierung

  • Gefertigte Bauteile bewerten und vermessen
  • Prozess über gezielte Parameteranpassung optimieren
  • Ergebnisse reproduzierbar und wiederholbar machen
  • Simulationsgestützte Absicherung vor der Fertigung

Software & Algorithmen

  • Gesamte Software-Prozesskette von der CAD-Geometrie über die Bahnplanung bis zur Robotersteuerung
  • Geschwindigkeitsprofile mit Beschleunigungsgrenzen
  • Erreichbarkeits- und Kollisionsprüfung vor der Fertigung
  • Bahnplanung für die mehrachsige Fertigung

Ergebnisse

Ein Framework für robotergestützte AM

Bevor eine solche Anlage entsteht, muss klar sein, welche Komponenten und Schnittstellen sie überhaupt braucht, unabhängig vom konkreten Roboter oder Extruder. Im Rahmen diverser Projekte, ist dazu am GoetheLab ein hardwareunabhängiges Framework entstanden. Es folgt dem V-Modell nach VDI/VDE 2206 und beschreibt das System mit Methoden des Model-Based Systems Engineering (MBSE) in der Modellierungssprache SysML. Das System wird dabei zuerst als Modell entworfen und erst danach in Hardware und Software umgesetzt.

Kontext-Diagramm robotergestützte AM

Kontext-Diagramm – robotergestützte AM

Was zeigt das Diagramm?

Das Kontextdiagramm zeigt die Systemgrenze der Anlage zu ihrer Umgebung.

Was macht es?

Es gliedert Inputs (CAD, Material, Prozessparameter) und verarbeitet sie intern zu physischen Bauteilen und Telemetriedaten.

Warum ist das wichtig?

Es legt fest, welche Aufgaben das System selbst übernimmt und welche Schnittstellen nach außen führen.

Block Definition Diagramm – robotergestützte AM

Was zeigt das Diagramm?

Das Block Definition Diagram (BDD) beschreibt den statischen Aufbau und die Modulhierarchie des Frameworks.

Was macht es?

Der Software-Stack übergibt Druckaufträge an das Control System. Dieses steuert die drei physischen Komponenten an, also Bauplattform, Extruder und Roboterarm. Die Halterung dient als mechanische Schnittstelle zwischen Roboterarm und Extrusionssystem.

Warum ist es so aufgebaut?

Die Trennung von Planung und Ausführung erlaubt es, Extruder oder Roboter auszutauschen, ohne das Gesamtsystem neu zu entwerfen.

Block Definition Diagramm robotergestützte AM
Blaupause robotergestützte AM

Blaupause robotergestützte AM
 

Was zeigt das Diagramm?

Die Blaupause ordnet die drei Ebenen des Frameworks den vier beteiligten Disziplinen zu. Die Ebenen sind Offline-Planung, Synchronisation und physische Ausführung, die Disziplinen sind Software, Steuerung, Mechanik und Elektronik.

Was macht es?

Offline-Planung und Synchronisation liegen auf der Seite von Software und Steuerung. Die physische Ausführung verbindet Mechanik und Elektronik im realen Arbeitsraum.

Warum ist das der Kern?

Die Zuordnung macht sichtbar, welche Disziplin welche Ebene verantwortet. Weil das Framework hardwareunabhängig ist, lassen sich damit auch grundverschiedene Kinematiken einordnen, von den verschiedenen Roboterarmen mit bewegtem Werkzeug bis zum 5-Achs-Drucker, der das Bauteil bewegt.

Yaskawa Motoman HC-10 + Granulatextrusion

Unser produktives System besteht aus einem Yaskawa-Roboterarm (Cobot) mit Granulat-Extruder als Endeffektor. Die Anlage druckt bereits reale Bauteile. Aktuell arbeiten wir an der Bahnplanung und der Prozessstabilität, um die Druckergebnisse weiter zu verbessern.

Roboter
Yaskawa Motoman HC-10 (Cobot)

Endeffektor
Granulat-Extruder (WASP)

Material
Kunststoff- & Spritzgussgranulat

Bauplattform
800 mm x 600 mm

Status
Im produktiven Einsatz, laufende Optimierung

Franka Emika Panda + Filamentextrusion

Parallel untersuchen wir, wie sich ein Cobot mit klassischer Filamentextrusion koppeln lässt. Anders als bei der Yaskawa-Anlage entstehen hier noch keine Bauteile. Der Fokus liegt aktuell auf der Steuerungsarchitektur und der Synchronisation zwischen Roboter und Extruder. Das Vorgehen ist dasselbe wie bei der Yaskawa-Anlage, also aufbauen, testen und schrittweise verbessern. Die Erkenntnisse zu Steuerung und Systemarchitektur bleiben unabhängig vom konkreten Roboter nutzbar und fließen in spätere Aufbauten ein.

Roboter
Franka Emika Panda (7-Achsen Cobot)

Hotend
Rapido High-Flow Hotend [HF] (bis 300 °C)

Extruder
Orbiter (Direct Drive Dual Drive, 1.75 mm)

Reichweite
855 mm

Bauplattform
400 mm x 400 mm

Status
Steuerungsarchitektur entwickelt, Hardwareintegration läuft

5-Achsen FDM-Drucker

Neben den beiden Roboteranlagen betreiben wir einen 5-Achs-Drucker. Er ist kein Roboterarm, sondern bewegt das Bauteil über zusätzliche Dreh- und Schwenkachsen, während der Druckkopf extrudiert. So lassen sich Schichten in wechselnder Orientierung ablegen und nicht-planar drucken. Für uns ist die Anlage vor allem ein zweiter Prüfstand für unsere Bahnplanung. Wir evaluieren hier, ob unsere Algorithmen für mehrachsiges Drucken auch auf einer anderen Kinematik funktionieren. Durch ein Stecksystem können Substratbauteile einfach montiert werden.

Basis
Prusa i3 MK3S, 5-Achs-Umbau angelehnt an Open5x

Kinematik
3 Linearachsen plus Dreh- und Schwenkachse (Bauteil bewegt)

Steuerung
Duet-Board, ergänzt um eigene Hardware- und Softwareanpassungen

Hotend
E3D V6 mit eigengefertigter verlängerter Düse

Bauraum
Ø 70 mm x 70 mm

Status
Voll funktionsfähig, im Einsatz als Prüfstand für die Bahnplanung

 

Der Drucker ist als studentisches Projekt entstanden. Im Beitrag zum 5-Achs-Drucker siehst du den früheren Stand und wie Studierende mitarbeiten können. Im Video rechts stellt CNC Kitchen ab 12:49 die Anlage auf der Formnext vor.